E.T.A. Hoffmann
Der goldne Topf
Vierte Vigilie
"Wohl darf ich geradezu dich selbst, günstiger Leser, fragen, ob
du in deinem Leben nicht Stunden, ja Tage und Wochen hattest, in denen
dir all dein gewöhnliches Tun und Treiben ein recht quälendes Mißbehagen
erregte und in denen dir alles, was dir sonst recht wichtig und wert in
Sinn und Gedanken zu tragen vorkam, nun läppisch und nichtswürdig
erschien? Du wußtest dann selbst nicht, was du tun und wohin du dich
wenden solltest; ein dunkles Gefühl, es müsse irgendwo und zu
irgendeiner Zeit ein hoher, den Kreis alles irdischen Genusses
überschreitender Wunsch erfüllt werden, den der Geist, wie ein
strenggehaltenes furchtsames Kind, gar nicht auszusprechen wage, erhob
deine Brust, und in dieser Sehnsucht nach dem unbekannten Etwas, das
dich überall, wo du gingst und standest, wie ein duftiger Traum mit
durchsichtigen, vor dem schärferen Blick zerfließenden Gestalten
umschwebte, verstummtest du für alles, was dich hier umgab. Du schlichst
mit trübem Blick umher wie ein hoffnungslos Liebender, und alles, was
du die Menschen auf allerlei Weise im bunten Gewühl durcheinander
treiben sahst, erregte dir keinen Schmerz und keine Freude, als
gehörtest du nicht mehr dieser Welt an.[..]
Versuche es, geneigter Leser, in dem feenhaften Reiche
voll herrlicher Wunder, die die höchste Wonne sowie das tiefste
Entsetzen in gewaltigen Schlägen hervorrufen, ja, wo die ernste Göttin
ihren Schleier lüftet, daß wir ihr Antlitz zu schauen wähnen – aber ein
Lächeln schimmert oft aus dem ernsten Blick, und das ist der neckhafte
Scherz, der in allerlei verwirrendem Zauber mit uns spielt, so wie die
Mutter oft mit ihren liebsten Kindern tändelt – ja! in diesem Reiche,
das uns der Geist so oft, wenigstens im Traume aufschließt, versuche es,
geneigter Leser, die bekannten Gestalten, wie sie täglich, wie man zu
sagen pflegt im gemeinen Leben, um dich herwandeln, wiederzuerkennen. Du
wirst dann glauben, daß dir jenes herrliche Reich viel näher liege, als
du sonst wohl meintest, welches ich nun eben recht herzlich wünsche und
dir in der seltsamen Geschichte des Studenten Anselmus anzudeuten
strebe."
(Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/3103/1
Bilder: meine!)
Seit jeher mag ich ja die aufgezwungene Schulliteratur eher
wenig. Es fängt schon an, dass man das Buch UNBEDINGT in soundsoviel
Tagen durchhaben sollte und dann bitte auch Notizen und Unterstreichen
und Material dazu raussuchen und überhaupt
INTERPRETIERT!
ERÖRTERT!
BEWERTET!
NEHMT
DAS F*****G BUCH AUSEINADER..bis nix mehr übrig bleibt außer leere
Wörter und diese unglaubliche Wut auf die dummen Hauptfiguren und ihre
blöden Kack-Dialoge.
Grah.
Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass die Lehrer gar nicht wissen, was es heißt, ein Buch zu lesen.
Und das es auch dabei bleiben sollte.
Man tut schließlich genug dabei.
Nun ist für uns im Deutsch-LK das Buch "Der Goldne Topf" von E.T.A. Hoffmann dran.
Um direkt auf den Punkt zu kommen: Buch = bäh
Und doch fand ich diesen Abschnitt ganz wunderbar und dachte ein wenig Poetik zum Abend kann nicht schaden.